Wer schreibt heute noch Ansichtskarten?
Meine letzte habe ich im vorigen Sommer verschickt. Und
bekommen habe ich zuletzt eine vor wenigen Wochen. Es ist selten, dass ich
welche erhalte oder versende. Wenn also
an dem Satz von Graham Greene etwas Wahres ist, dann bin ich nicht sehr einsam,
und Menschen, die mir nahe sind offensichtlich auch nicht.
Nun wurde allerdings der Roman aus dem jener Satz stammt im
Jahr 1959 erstmals veröffentlicht, mutmaßlich ist er von seinem Autor
wahrscheinlich ein Jahr zuvor fertiggestellt worden.
Ende der 1950er Jahre tauschte man sich im Unterschied zu
heute schriftlich allerdings für gewöhnlich über hand- oder Maschine
geschriebene Briefe oder eben Post- und Ansichtskarten aus.
Heutzutage gibt es da ganz andere Möglichkeiten. Mails, Facebook, WhatsApp, Twitter, Instagram und die unterschiedlichsten Blogportale, um nur einiges zu nennen. Und dort wird geschrieben und gepostet, was das Zeug hält. In bisweilen atemberaubender Frequenz und Geschwindigkeit. Ansichtskarten, die man durchaus auch noch verschicken könnte, dauern und brauchen viel zu lange, gewöhnliche Briefe sowieso.
Ob die Menschen, wenn es 1959 all diese Möglichkeiten schon
gegeben hätte, auch so eifrig gemailt, getwittert und gebloggt hätten? Wenn
Greene zum Ende der 1950er Jahre eine Ansichtskarte für ein Einsamkeitssymptom
gehalten hat, wofür würde er die heutigen, angewandten Kommunikationsmöglichkeiten
halten?
Sind die Menschen heute einsamer als in der Mitte des
vorigen Jahrhunderts, oder nutzen sie die Vielfalt der Kommunikationsmöglichkeiten
nicht vordergründig, weil sie sich allein fühlen oder sind?
Nach meiner Wahrnehmung stimmt beides. Die Motivationen sind
unterschiedlich. Manchmal offenbaren sie sich in der Art und Weise wie
geschrieben wird, auch im Inhalt des Geschriebenen derjenigen, die posten,
mailen bloggen.
Die Welt, die Beziehungen der Menschen untereinander, innerhalb
einer Gesellschaft und im globalen Rahmen sind vielfältiger, differenzierter
und komplexer geworden. Und angesichts dessen braucht es mehr und schnellere
Kommunikationsmittel als in der Vergangenheit. Und scheinbar braucht es auch
immer mehr Geschwindigkeit. Wir waren noch nie so schnell wie heute.
Und da offenbaren sich die Gefahren: Wenn ein Zug mit 300
Kilometern pro Stunde durch die Lande rast, sieht man beim Blick aus dem Fenster
vieles nur noch verschwommen. Und, wenn da wo früher eine ländliche Gegend mit
nur ein paar Häusern gewesen ist, nunmehr eine große Stadt steht, dann wird es
einem kaum noch gelingen, Einzelnes wahrzunehmen.
Längst ist aus dieser Gefahr Realität geworden, eine sich
beängstigender weise immer noch mehr, immer noch schneller beschleunigte
Realität.
Dort aber, wo Einzelnes immer weniger oder schließlich gar
nicht mehr wahrgenommen wird, wo der Blick für Besonderes, für anders Seiendes,
für Einzigartiges, verloren geht, dort entsteht der Boden für Einsamkeit. Dort
gibt es Menschen, womöglich immer mehr werdende Menschen, die sich inmitten
vieler anderer Menschen, in mitten der vielen differenzierten und gleichzeitig
komplexen Strukturen und Beziehungen, dem Kommunikationsgewimmel, die sich
einsam fühlen.
Und die dem entfliehen wollen und die deshalb schreiben
wollen, schreiben müssen, im Zweifel auf Teufel komm raus, schneller, kürzer,
sei es auch nichtssagender, um "dabei" zu sein, um nicht abgehängt zu
werden, nicht bzw. nicht mehr einsam zu sein.
Diese Menschen sind wahrscheinlich die einsamsten.
Die, die entschleunigter schreiben, vorrangig aus der
Motivation der Selbstverständigung heraus, sind oft auch einsam. Wer intensiv,
sich bewusst Zeit nehmend, mit einer gewissen Tiefe schreiben möchte, muss ein
bisschen einsam sein.
Aber diese Einsamkeit ist eine andere als die Einsamkeit,
die ein Einzelner unter vielen Menschen zu spüren bekommt, bisweilen erleidet.
Es ist die "neue" Einsamkeit, eine besonders schlimme Einsamkeit.
Wenn heutzutage das Schreiben von Ansichtskarten oder
handgeschriebenen Briefen ein Einsamkeitssymptom ist, dann ist es ein Symptom
für die andere, die "alte" Einsamkeit, jene, bei der es (noch) nicht
um das "dabei sein", das "mithalten müssen" ging, sondern jene,
aus der heraus ein Schreiber etwas wirklich mitteilen wollte. Sich tatsächlich
austauschen, einander zuhörend, ausreden lassend, seinem Ich und dem ICH
anderer Menschen. Ja, mitunter war und ist solches Schreiben auch von dem
Wunsch, der Sehnsucht getragen, ähnlich gesinnten Menschen zu begegnen,
vielleicht einen guten Freund oder eine gute Freundin zu finden und sich
bewahren zu können.
Eine Ansichtskarte, einen handgeschriebenen Brief zu
verfassen, ist heutzutage die bewusste Entscheidung für Entschleunigung, für
nicht nur oberflächliches Fühlen, für Empfinden von Leben, Leben im
ursprünglichen Sinne.
Eine Ansichtskarte, wie ein handgeschriebener Brief sind Symptome
für LEBEN! Ein Leben indem sich Menschen Zeit füreinander nehmen, Zeit für das Besondere, das anders Seiende, das
Einzigartige, sie Charakterisierende. Ein anderes Leben als jenes, das in
heutiger Zeit generell gelebt wird.
Ich mag, ich schätze dieses andere Leben. Ein anderes will
ich nicht.