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Dienstag, 28. Juli 2015

Tagebuchseite -501-

Empfindungscocktail

Es fühlt sich gut an und doch fremd. Es lässt mich Freude, ein wenig Stolz sogar empfinden und scheint mir doch unwirklich. Mein Herz wandelt auf anderen Pfaden der Anspannung und Traurigkeit als ich sie sonst "gewohnt" bin. Merkwürdig schönen Pfaden. Ich bin es nicht gewohnt, Anspannung und Traurigkeit als schön zu empfinden.  Und beide kann ich in Verbindung mit dem Gefühl von Schönheit nicht erklären.

Das Konzept, welches ich in so kurzer Zeit und als Entwurf mit großer Anstrengung und erheblich gemischten Gefühlen erarbeitet habe, da ich doch von dem Fachgebiet, was ich da beschreiben, begründen und im Rahmen eines Projektes für notwendig erklären sollte, noch so gar keine Ahnung habe, hat meinen neuen, meinen künftigen Chef, "sehr beeindruckt".

Das habe ich nicht erwartet, konnte ich nicht erwarten. In meinem Inneren ist stille Freude darüber. Aber eben auch Anspannung, große Anspannung.

Während des Schreibens habe ich erfahren, was da auf mich zukommen wird, wie facettenreich, wie komplex, wie vielfältig, aber auch wie groß, herausfordernd und schwierig meine neue Arbeitsaufgabe werden wird. Ich bin neugierig darauf, habe aber auch Angst davor. Letztere ist nicht kleiner geworden durch das "sehr beeindruckt" meines neuen Chefs. Im Gegenteil, ich vermute, dass ich nun Erwartungen geweckt habe, neue Erwartungen.

Werde ich diesen Erwartungen gerecht werden können? Inwieweit werde ich das vermögen? "Nicht in alte Muster verfallen" höre ich meinen Kliniktherapeuten sagen, und ich beginne zu begreifen, dass er damit nicht nur eine Rückkehr in meinen alten Arbeitsbereich, den, an dem ich meine Kraft, meine Gesundheit verloren habe, gemeint hat. Und ich weiß, dass ich immer noch nicht wieder gesund bin, es vielleicht und wahrscheinlich nie mehr ganz werde.

Einen Weg zu finden, sich von diesem Wissen nicht einschüchtern zu lassen und dennoch sich "in neuen Mustern" auch nicht zu überfordern, ist nicht leicht. Bislang habe ich es nicht verstanden, einen solchen Weg zu finden. Ich muss es lernen., ich weiß. Auch, damit ich, obwohl ich Freude empfinde, nicht gleichzeitig traurig bin oder werde. Damit mein Leben ein anderes Leben wird, eins in dem ich ICH bleiben kann und darf, das aber lebenswerter ist für mich als mein bisheriges. - Ich glaube inzwischen daran, dass das möglich ist, ohne, dass ich etwas zum Nachteil anderer Menschen tue. Das habe ich bislang so nicht wahrhaben können und wollen.

Auch mit meiner neuen Arbeit werde ich anderen Menschen helfen. Anderen Menschen, auf andere Weise, auf anderen, neuen Feldern als bislang.

Ich überlege gerade besonders viel, was ich noch, ICH selbst noch mehr, noch anderes, tun könnte, ohne "in die alten Muster" zu verfallen. In meinem "früheren" leben habe ich viel getan, vor allem inspiriert durch und abgeleitet von meiner damaligen Arbeit.

Eine Blogfreundin schrieb zuletzt, dass sie sich als Stammzellenspenderin registrieren lassen wird. Eine andere, hat schon längere Zeit einen Organspendeausweis. Ich überlege, ob ich das eine meiner Ehrenämter aus meinem "früheren" Leben, das in der Härtefallkommission, fortführen werde, NUR dieses eine. Und ich denke darüber nach, ob ich künftig amnesty international bei Briefaktionen unterstütze, gegen das "verschwinden lassen" von Menschen, etwa in diktatorischen Staaten. Auch der schon länger in mir arbeitende Gedanke, einem Kind aus einem armen Land durch eine Patenschaft unmittelbar zu helfen, ist nicht vom Tisch.

Ich möchte tun, was ich tun KANN. Besser auf mich aufpassend, ja. Aber etwas tun. Für andere, dafür das ALLE besser leben können, dass mehr Gerechtigkeit, mehr Rücksicht ist auf der Welt.

*

Mein Vater. Mein Vater! -

Den Sonnabend hatte ich mich ja komplett vom Familienleben zurückgezogen wegen der Arbeit an dem Konzeptentwurf. Aber den Sonntagnachmittag, habe ich nicht hergeben wollen. Und so sind wir, wie ursprünglich geplant, zu meinem Vater gefahren, und zu seiner Freundin. Erstmalig haben sie uns gemeinsam erwartet.

Was war das für ein toller Nachmittag! Was haben sich da für zwei Menschen gefunden! In einem so hohem Alter (86 und 82 Jahre), das man beiden übrigens überhaupt nicht ansieht. Sie wirken beide, WIRKLICH, jeweils mindestens 10 Jahre jünger.

Sind geistig sehr rege, haben viele gemeinsame bzw. sich ergänzende Interessen, machen zusammen kleine Ausflüge, planen und realisieren Unternehmungen und treten sogar beide immer wieder öffentlich auf. Ja! C. (so heißt die Freundin) mitunter mit einer kleinen Tanzgruppe, die sie noch leitet, und für die sie Kostüme näht (aus selbst beschafften Materialien) aber auch als allein Vortragende, Rezitierende, und mein Vater als Vorleser und Rezitator vor allem plattdeutscher Geschichten, Anekdoten und Verse. Dabei haben beide, natürlich, auch so ihre Wehwehchen.

Als wir am gedeckten Kaffetisch saßen, sah ich zum Bild meiner Mutter an der Wand. Sie schaute von dort aus genau auf die Tafel. Das war ein schwerer Moment für mich. Aber ich glaube, Mutter hat sich gefreut, wie wir da so beieinander waren.

Gefehlt hat sie mir dennoch. Besonders in diesem Augenblick. - Sie fehlt mir sehr oft ...

Vater hat nicht ganz Wort gehalten. Die Schreibereien, die ich ihm zum Lesen überlassen hatte, hat er nun doch nicht ganz für sich behalten. C. hat er davon vorgelesen und eine Cousine von mir hineinschauen lassen (Über Letzteres bin ich wirklich nicht sehr erbaut.) - C. ist nun ganz begeistert, und Vater sowieso - das hatte er mir schon vor drei oder vier Wochen am Telefon gesagt.

Und in mir ist nun auch darauf bezogen wieder dieses Gemisch aus stiller Freude, Anspannung und "schöner" Traurigkeit. Und ich höre Vaters: "Mach da mal was draus, Junge!" -

Ich habe ja selbst schon ein bisschen daran gedacht, und eine sehr liebe Freundin denkt ähnlich, und wir wollen  gemeinsam mal sehr intensiv schauen, auswählen, zusammenstellen, aus meinen Texten und aus ihren. Und sie wird vielleicht ein bisschen illustrieren dazu. Sie malt und zeichnet so wunderschön.

Aber ich möchte nicht, dass irgendwer eine Erwartung damit verbindet. Ich selbst tue das auch nicht.
Ich habe nie für die Erfüllung einer Erwartung geschrieben, auch keiner eigenen. Ich könnte das auch nicht. Dann könnte ich überhaupt nicht (mehr) schreiben.

In mir ist also so ein Gefühlsgemisch, ein Cocktail, aus Freude, Neugier, ein bisschen Schwermut, Unsicherheit und, doch immer wieder auch Angst, ein Cocktail, "vertraut" aber auch irgendwie neu.

Ich höre ein Lied, dieses hier, es gefällt mir sehr. Und irgendwie tröstet es mich gerade, obwohl ich gar nicht weiß, ob es Trost ist, nachdem ich mich gerade sehne. Es ist von "Rosenstolz" und heißt "Ich hab' genauso Angst wie Du":


(Bitte anklicken!)   

Donnerstag, 23. Juli 2015

Tagebuchseite -500-

Zwischenzeilentlich (*)

Da steht nun also tatsächlich die Zahl "500" über dieser Tagebuchseite. - Das hätte ich mir nie träumen lassen  vor nunmehr knapp vier Jahren, als ich mit den bloggen begann, dass es mal so viele werden würden.

Und genau genommen sind es ja weit mehr Seiten, denn meine Blogtagebuchseiten waren und sind zumeist viel umfangreicher als eine Papierseite im Format A4. Und dann sind ja noch die auch zahlreichen Seiten, die sozusagen mein Blogtagebuch im weiteren Sinne ausmachen, die mit den Sentenzen, den Versen, den Sammelsurien, den Gedanken über Aphorismen und den Zwischenstopps.

Vormals habe ich nie Tagebuch geschrieben, mal von ein paar wenigen ganz und gar halbherzigen Versuchen während der Jahre meiner Jugend abgesehen. Und nun schreibe ich mit in der Regel allerhöchsten recht kleinen Unterbrechungen immer weiter. Keine Ahnung, wie lange das noch weitergehen wird und mit welcher Intensität. Aber Freude am Schreiben hatte ich schon immer, und durch mein Blogtagebuch ist sie mir quasi immanent geworden.

Wenn ich so vor diesen Seiten sitze während ich manches Mal darin herum krame, staune ich nicht nur über die Menge, die ich da inzwischen an Texten, Gedichten usw. aufgeschrieben habe. Ich staune darüber, dass mir nie der Stoff, nie die Ideen ausgegangen sind, und ich sehe auch nicht, dass das in absehbarer Zeit passieren könnte.  Ja, ich habe schon bemerkt, dass sich manche Themen in gewisser Weise auch wiederholen, dass ich sie wieder und wieder aufgriffen habe, mal mit dem Vermögen, sie weiter zu denken, weiter zu entwickeln, manches Mal aber wohl auch, um mich nur noch tiefer in ihnen zu verrennen als bis dato.

Ich spüre, dass die Seiten in Gesamtheit womöglich ein ziemlich charakterisierendes Abbild meiner selbst sind. In vielen finde ich mich auch mit großem zeitlichen Abstand wieder, stelle überrascht fest, wie wahr sie immer noch sind, dass ich zu sehr vielen meiner Gedanken unverändert stehe, auch wenn ich mit einigen davon heute doch in jeweils unterschiedlicher Weise schon ein Stück weiter bin.

In den vielen Seiten zu stöbern, ist sich wiederholend mit Selbstbefragung verbunden, dem Vergleich der Ergebnisse heutiger Selbstreflexionen mit jenen, die schon längere Zeit zurück liegen. Grundsätzlich weiß ich zwar um meinen Platz in dieser Welt, aber diese Selbstbefragungen sind stets wie eine Vergewisserung, die das bereit Sein, sich entsprechend des eigenen Gewissens immer wieder zu justieren, einschließt.

Das ist für mich wichtig. Ich vermag es nicht, einfach so vor mich hin zu leben. Unter anderem deshalb hat und ist Schreiben für mich Lebenssinn.

Was mir nicht gelingt, und was, wie ich vermute, wenn man eigene Texte liest, nicht gelingen kann, ist das, was zwischen den Zeilen steht, erfassen zu können. - Aber es STEHT IMMER etwas zwischen den Zeilen, was in ihnen selbst, so offen und aufrichtig ein Schreiber auch als Person bzw. als solche  zu schreiben bemüht ist, unsichtbar bleibt.

Wenn ich zwischen Zeilen, die andere Menschen geschrieben haben, umher wandere, dann entstehen Bilder, dann empfinde ich stärker, dann wird, was ich lese, zu einer eigenen kleinen Welt, einer Welt, die in meiner Phantasie wie Leben ist, die lebt! Je weniger ich die betreffenden Menschen tatsächlich kenne, desto realitätsferner können und werden die Bilder, die Empfindungen, die in mir entstehen, sein.
Ganz werden die Bilder und Empfindungen, die unterschiedliche Menschen beim Spaziergang zwischen den Zeilen, die ein anderer Mensch geschrieben hat, erkennen und wahrnehmen, nie übereinstimmen. Sie können sich allenfalls gleichen.

Zwischenzeilentliches bleibt also stets ein wenig unwägbar, geheimnisvoll. Auch dann, wenn die Bilder, die auf der Reise zwischen den Buchstaben, den Satzzeichen, den Zeilen entstehen, schöne Bilder sind. Und jede neue derartige Reise, auch, wenn sie in und zwischen die Zeilen desselben oder gar eines schon bekannten Menschen führt, wird wieder eine Reise voller Geheimnisse und Überraschungen sein. Es sind immer und alles auch Reisen ins Unausgesprochene, in das Reich der Phantasien, in eine Welt, die nie ganz, die nie zu Ende erforscht sein wird.

Eine schöne Erkenntnis, finde ich, eine ebenso tröstliche wie herausfordernde, vor allem für Menschen, die das Lesen und Schreiben lieben. Menschen, die die Sensibilität besitzen, so zu erkennen, sind die reichsten Menschen überhaupt.

Dass nicht alle Texte aller Menschen diese Erkennen und damit verbundenes Empfinden zu befördern vermögen, liegt in der Natur der Sache. Ein Fachtext etwa enthält grundsätzlich weniger Zwischenzeilentliches im beschriebenen Sinne.

Ein bisschen bedauere ich es, dass ich das Zwischenzeilentliche in meinen eigenen Texte nicht zu erkennen vermag, aber an sich ist es ja auch müßig. Denn letztlich würde ich, wie jeder derjenigen Menschen, der es zu erkennen vermag, nur meine Version davon sehen. Abgesehen davon, dass sie auch nur eine von vielen wäre, wäre an ihr nichts geheimnisvoll, nichts Phantastisches und nichts, was ich als unausgesprochen empfinden würde.

Aber ich wünsche mir inzwischen, und das habe ich mir fünfhundert Tagebuchseiten früher ganz und gar nicht gewünscht, dass meine Texte, Gedanken und Verse für andere Menschen, die sie zufällig oder bewusst lesen, wenigstens ein bisschen auch "zwischenzeilentlich" sind, jeweils eine kleine Einladung zu einer geheimnisvollen Reise hin zu eigenen Bildern, eigenen Empfindungen, zu einer Reise, die ihrerseits zu bereicherndem Nachdenken einlädt.

(*Das Wörtchen "zwischentzeilentlich" steht nicht im Duden. Es ist von einer jungen Frau, mit der ich eine Zeitlang ein wenig von meinem Bloggerleben teilte, "erschaffen" worden. Sie wollte damit, wenn ich mich recht erinnere, etwas nicht sogleich Sichtbares, etwas noch Verborgenes, umschreiben. Mir gefiel das Wort, so sehr ich so oft "Neuwortschöpfungen" doch eher skeptisch gesonnen bin, gleich bei meiner ersten Begegnung mit ihm ...)

*

Ich höre sie immer noch und immer wieder gern, die Soderberg-Schwestern aus Schweden - und so habe ich hier, ein wie ich finde, besonders schönes Lied "I found a Way" von "First Aid Kit":


Mittwoch, 22. Juli 2015

Tagebuchseite -499-

Entscheidung, Bewährung, Anspannung und Balance

Nun habe ich eine Entscheidung getroffen.

So das Projekt bewilligt wird, werde ich ab dem 1. Oktober, langsam über das "Hamburger Modell" einsteigend, Angehörige von Menschen mit Behinderung(en) beraten. Es geht dabei um Einstiegsberatung, bei der die Angehörigen über die in der Region vorhandenen Angebote zur Betreuung, Begleitung, Förderung, beruflichen Integration, Vermögensverwaltung und andere Dienste mehr für behinderte Menschen informiert und dorthin vermittelt werden sollen. Ich werde also eine Art Schaltstellenfunktion wahrnehmen.

Entsprechend wird es auch zu meinen Aufgaben gehören, Kontakte zu diesen Angeboten und Diensten vorzubereiten, selbst Kooperationen mit diesen aufzubauen und zu pflegen,  Hilfestellung bei erforderlichen Beantragungen zu leisten, Netzwerk- und Kooperationsarbeit zu initiieren  und fortzuführen, später auch Weiterbildungen zu organisieren bzw. vorzuhalten.

Das Ganze erfordert fundierte rechtliche und strukturelle Kenntnisse in einem für mich bislang nahezu gänzlich unbekannten Bereich. Mein Wiedereinstieg ins Berufsleben wird also ein Neubeginn sein, einer der sehr herausfordernd sein wird. Ich werde zunächst viel lesen, recherchieren, mich bilden (lassen) und Besuche bei potenziellen und notwendigen Partnern machen müssen.

Und: Ich, der ich doch gar keine Vorkenntnisse für den neuen Bereich habe, soll nun in 1 1/2 Wochen das inhaltliche Konzept für das Projekt erarbeiten. Hier von zu Hause aus. - Damit, sofern das Projekt, das allerdings langfristig angelegt werden soll, die eigentliche Arbeit nach dreimonatigem Vorlauf ab dem 1. Januar 2016 schrittweise anlaufen kann.

Im Rahmen von "Freiräumen" soll und kann ich, über meinen neuen Hauptaufgabenbereich hinaus gehend,  neu eingestiegenen Migrationsberatern innerhalb meiner "Firma" und im Kontext des Verbandes inhaltliche Hilfestellungen geben, durch Seminare und "Beratungen für Berater" in unterschiedlichen Kontexten, auch zu besonders verzwickten "Fällen".

Soweit und solange das realisierbar ist, soll und darf ich also mein bisheriges Fachwissen, ohne selbst unmittelbar Klientenberatung zu machen, noch "pflegen" und weitergeben. Die Erfahrungen und Investitionen, die ich in über 23 Jahren erworben und getätigt habe, sind damit nicht von heute auf morgen nutzlos. - Auch ein Ehrenamt in diesem Bereich werde ich, solange ich mir das zutraue, weiter bekleiden.

Soweit die Planungen, soweit auch die Absprache gestern mit dem neuen Geschäftsführer meines Arbeitgebers.

Ich warte nun auf die Mail mit dem vorgegebenen "Konzeptgerüst", und dann muss, soll, darf ich loslegen.

In meinem Inneren herrscht bei aller Vorfreude, bei aller Dankbarkeit dafür, dass ich meinen alten Arbeitsbereich ganz weitgehend verlassen kann, nun eine große, beständige Anspannung, ein immenser Druck. Wegen dem Konzept, für das ich so wenig Zeit habe und letztlich keinerlei Vorkenntnisse. Es ist, es wird meine erste große Bewährungsprobe, das spüre ich, eine Bewährungsprobe für meine ganze Person ...

*

Der Tag vorgestern in der Landeshauptstadt mit dem Treffen mit meinen beiden bisherigen Kolleginnen dort und das anschließende "Klinikrevival" waren schön und wichtig. Aber hinterher war ich auch sehr erschöpft.

Ich glaube Inge ging es ebenso. Ich kann sie ein bisschen LESEN inzwischen. Sie kämpft so sehr, aber gesund wird sie nie mehr werden. Das hat man ihr schon in der Klinik gesagt. Ihr Krankheits- und Beschwerdebild ist sehr komplex und verfestigt, und an Beschwerden sind allein in den knapp vier Monaten seit ihrer Entlassung schon wieder zwei neue, von denen eine wiederum kaum reparabel sein dürfte, hinzugekommen. - Sie ist so ein wundervoller Mensch, warum und von wem wird sie bloß immer noch mehr und immer noch schwerer beladen?

*

Am Wochenende werden wir einen Tag in Rostock sein. Wir werden uns, wenn das Wetter mitspielt im dortigen Zoo mit einer Freundin und deren Pflegetochter treffen. Die Kleine ist ein Wirbelwind mit 50.000 Volt. Am nächsten Tag soll es dann letztmals vor unserem Urlaub zu meinem Vater gehen - zum ersten Mal wird jene Frau dabei sein, mit der er nun schon seit langem wirklich befreundet ist. Beide unternehmen sehr viel miteinander, verbringen viel Zeit zusammen, stützen und unterstützen sich gegenseitig.

Ich freue mich auf die Begegnung mit ihr, bin aber auch ziemlich gespannt. Ich freue mich unsagbar für meinen Vater, dass er nach dem Tod von Mutter noch einmal einen so guten, ihn sichtlich belebenden "Anschluss" gefunden hat. Aber ich sehe halt auch immer noch unsere Mutter an seiner Seite.

Beide Besuche werden also in gewisser Weise auch Herausforderungen sein. Ich empfinde sie auch insoweit so, dass in meinem Hinterkopf jetzt schon eine Uhr tickt. Die des Termins für das Projektkonzept ...

Selbst mit Blick auf einen Besuch, den ich, den wir hoffentlich (noch steht es nicht fest) bekommen werden, dann, etwa in der letzten Woche vor unserem Urlaub. Auf den freue ich mich ganz, ganz doll. Da würde ein Mensch kommen, den ich wirklich ins Herz geschlossen habe, mit dem ich mir schon so lange wieder einmal von Angesicht zu Angesicht zu reden wünsche und gemeinsam etwas zu unternehmen.

*

Es steht also allerhand an in den nächsten 2 1/2 Wochen was Pflichtiges, unbedingt zu Erledigendes und Nichtpflichtiges, darunter vieles, was eigentlich Ausgleich, Freude, Entspannung verheißt, betrifft. So viel, wie es in einer so kurzen Zeit schon sehr, sehr lange nicht mehr für mich gegeben hat.

Da heißt es Balance zu finden und zu halten. Die Balance, die wohl das Leben ausmacht. Ich muss erst wieder lernen zu balancieren ...

Sonntag, 19. Juli 2015

Tagebuchseite -498-

Zwischen Streicheleinheit , Hexenjagden sowie größeren und kleineren Entscheidungen

In den letzten Tagen geschieht ziemlich viel in meinem Leben und drum herum. Es fällt mir schwer, das alles zu ordnen, mich darin und dazwischen zurecht zu finden.

Der Blogumzug war und ist da nur der hüpfende Punkt auf dem schwankenden "i". Vorerst bin ich hier ja erst einmal halbwegs zufrieden, zumal viele liebgewordene Freunde aus meinem Blog auf der blog.de-Plattform nicht verloren zu gehen scheinen. Ihre Tagebücher liegen nun zwar nur noch in wenigen Fällen hier auf "meinem" Portal aus, aber es finden sich Mittel und Wege, sich nicht zu verlieren.

Schade ist, dass ich meine bisherigen Einträge wohl tatsächlich nicht hierher transferieren kann, und ein paar andere Holperstellen gibt es auch noch. Zum Beispiel weiß und verstehe ich nicht, warum die Anzahl der Kommentare, die ich zu einem Eintrag bekomme, in meinem Blog nicht angezeigt wird, in anderen hier auf der Plattform dagegen schon. - Und weshalb ich beim Anklicken des Einstellungssymbols für meine Lesezeichen jedes Mal eine Fehlermeldung bekomme und also gar nichts ändern kann.

Nicht schön, aber alles Kleinigkeiten im Vergleich zu dem, was sonst so ansteht.

Je mehr ich lese und mich informiere, desto mehr schwanke ich, mich für eine der beiden vom neuen Geschäftsführer meines Arbeitgebers unterbreiteten Offerten zu entscheiden. Die Gespräche, die ich dazu bislang geführt habe, ergeben in der Summe ein Ergebnis wie das, welches beim Hornberger Schießen herausgekommen ist. Und je mehr ich mich informiere, desto mehr Fragen tauchen zudem auf.

Morgen habe ich wieder ein Gespräch, diesmal bei der Koordinatorin für Migrationsarbeit beim Landesverband des Trägers bei dem ich angestellt bin. Das ist eine langjährige, gute Kollegin ...
Hoffentlich bin ich danach ein bisschen schlauer, denn am Dienstag bin ich dann wieder beim Geschäftsführer meines Arbeitgebers am Ort, und da sollen im Mindesten schon mal Weichen gestellt werden. Oh je, ich bin ziemlich durcheinander, reichlich unsicher ...

Wenigstens gibt es zwischen den beiden Gesprächen morgen und übermorgen am morgigen Nachmittag ein erstes kleines "Anstaltsrevival", heißt: Ich treffe mich mit Inge und mindestens noch einer, vielleicht auch zwei weiteren meiner "Gruppenmitglieder" von meinem Klinikaufenthalt. Bin gespannt, wie es allen geht, und auf Inge freue ich mich richtig.

Aber auch das "große Geschehen" lässt mich nicht los. Das tut es ja nie.

Die ganze Griechenlandproblematik , die Haltung Deutschlands dazu, ärgert mich unablässig. Wie soll Griechenland auf den veranschlagten Wegen wieder auf die Beine kommen? Ich habe erfahren, dass gegenwärtig täglich 60 (!) Firmenpleiten in Hellas zu beklagen sind. Nicht wenige zum Beispiel wegen der nach wie vor und wohl auch künftig bestehen bleibenden, sehr bürokratischen Kapitalverkehrskontrollen.

Und dann dieses Geschwafel vom notwendigen Wachstum. Abgesehen von fehlenden Investitionsprogrammen und -anstrengungen seitens der EU und der in ihr vereinigten Länder und der Tatsache , dass das Anbeten beständigen Wachstums die größte und infamste Täuschung überhaupt ist : Griechenland hat kaum relevante Wirtschaftszweige (vor allem Industrie) die das "notwendige" Wachstum realisieren könnten. Das Land ist wirtschaftlich gesehen vor allem von der Landwirtschaft und dem Tourismus geprägt, dem nun auch noch die Erhöhung der Mehrwertsteuer wie ein Knüppel zwischen die Beine fährt.

Und zu allem Überfluss und die Resultate konservativer Austeritätspolitik in Griechenland und der EU der letzten Jahre und Jahrzehnte einfach ignorierend, wird die Regierung unter Ministerpräsident Tsipras nun auch noch beständig zum Sündenbock deklariert. Und so ist die Sprache ihr gegenüber auch. Eine Sprache gegenüber einem verstockten, uneinsichtigen und unfähigen "Schuldigen"!

Und in Deutschland brennen wieder Asylbewerberheime, und Sozialarbeiter von Wohlfahrtsorganisationen werden bei der Herrichtung von entsprechenden Unterkünften angegriffen. Und die Bundeskanzlerin streichelt ein palästinensisches Mädchen aus dem Libanon, das bei einer Gesprächsrunde mit der deutschen Regierungschefin in Tränen ausbricht, weil es Gedanken und Ängste hinsichtlich einer möglicherweise bald bevorstehenden Abschiebung nicht mehr zu unterdrücken vermag. Und die Kanzelerin, wird in Anspielung auf Helmut Kohl, der zum "Kanzler der Einheit" hochstilisiert wurde, nun hämisch "Kanzlerin der Streicheleinheit" und mit einem so genannten Shitstorm überzogen.

Meine Güte, wo lebe ich eigentlich? Es ist wie im Mittelalter. Tumbe oder (noch schlimmer!) weniger tumbe Massen spielen Lynchjustiz. Hexenjagd 2.0. Gegen Flüchtlinge, gegen Andersdenkende, gegen menschliche Regungen.

Nicht, dass ich missverstanden werde. Ich bin wahrlich kein Fan der Politik von Merkel und Konsorten. Und gerade die Migrations- und Flüchtlingspolitik auch und vor allem ihrer Regierung halte ich für heuchlerisch, feige und den tatsächlichen Erfordernissen immer weiter hinterherhinkend.

Und Frau Merkel hat ihre "Streicheleinheit" ja auch schleunigst wieder eingeordnet, in dem sie auf "deutsche Rechtsstaatlichkeit" verwies, und darauf, dass eben nicht jedem geholfen werden könne. Ich halte das in weiten Teilen für ziemlich zynisch, zumal auch die Regierung Merkel NICHTS wirklich Substanzielles tut, um Fluchtursachen angemessen und überhaupt zu bekämpfen, also das, worum es eigentlich und präventiv gehen müsste, das, was schon seit Jahrzehnten in Sonntagsreden immer wieder daher gebarmt und dann doch wieder ignoriert wird, weil sich damit gar so schwer Geld zu verdienen und "ewiges Wachstum" zu gewährleisten ist.

Aber die Kanzlerin hat eine menschliche Regung gezeigt, eine, die aus der Situation heraus und in dieser selbst authentisch gewesen ist. Und für eine solche Reaktion ist niemand zu verhöhnen oder zu beleidigen.

Dennoch würde ich sie gern mal in einer Beratungsstelle arbeiten lassen, wie ich sie in Persona 23 Jahre lang gewesen bin. Nur mal so für 12 Monate. - Dann würde sie die Kleinheit einer Streicheleinheit vielleicht, hoffentlich, besser erkennen. -

Ich habe so viele Tränen rinnen sehen während all der Jahre, ich habe so viel von menschlichem Elend erfahren, ich habe mich so oft so hilflos und allein gelassen gefühlt, wie jene Menschen, die verzweifelt und in Tränen vor mir saßen. Ich habe dennoch immer versucht, nicht einseitig, nicht "betriebsblind" auf den ganzen Kummer zu schauen, die Unterschiede in den Motivationen und auch im Verhalten, der Menschen, die zu mir kamen, wahrzunehmen und zu begreifen.  Ich habe viel über konkrete Hilfen aber auch generelle Lösungsmöglichkeiten nachgedacht. Erstere habe ich mitunter aufzeigen und  unterstützen, anschieben können, letztere waren für mich allein stets "eine Nummer zu groß".

Das zu erkennen war freilich nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war und ist zu spüren, dass tatsächlich GENERELLE, die grundsätzlichen Fluchtursachen berücksichtigende Lösungsmöglichkeiten kein Thema sind, dort, wo Entscheidungen gefällt werden könnten, und es offenbar auch nicht sein sollen. Bis heute nicht.

Ich hätte gar nicht so viele Frauen und Kinder vor allem, streicheln können, wie vor mir geweint haben. Aber ich kam mir oft so vor, dass auch ich nur streicheln konnte und sollte, wo ganz etwas anderes, wo WIRKLICHE MENSCHLICHKEIT angezeigt gewesen wäre.

An diesem täglich in seiner Arbeit zu erlebenden Widerspruch kann ein Mensch schon mal zerbrechen ...